Wo ist der… ?

Nun liegt mein Manuskript seit ein paar Wochen bei sieben Testlesern plus meinem Mann, der das Ganze eher zur Kenntnis nimmt denn sich zur Brust. Natürlich beäuge ich argwöhnisch die Seitenzahl, die er am Ende eines Abends erreicht hat, natürlich stelle ich ihm völlig unauffällig Zwischenfragen, die prüfen, ob er alles verstanden hat. Ich berichte ihm von meinen eigenen Recherchen, die immer noch nebenher laufen, zum Beispiel von der Entdeckung, dass die Galerie mitnichten in Schöneberg liegt, sondern schon in Tiergarten. Nördlich der Kurfürstenstraße gleich Tiergarten, steht in meinem Notizbuch. Was sagt mein Mann? „Egal.“ – Genau, darum ist er auch kein Testleser. Künstlerische Freiheit ist das, was ich mir am Schluss als Wimpel an mein Fahrrad klemme. Bis dahin muss mich das Ding erst mal zur Buchmesse tragen.

Okay, zu einem Verlag.

Die echten Testleser sind gewissenhafter. Nummer eins hat, wie befürchtet, zuverlässig eine Stelle gefunden, die entbehrlich ist, denn sie ist nur ein Überbleibsel aus der ersten Fassung, jene, in der der Mörder ein ganz anderer ist. Nach Rücksprache mit einem Agenten hatte ich den ersten Mörder des Buches verwiesen, er kommt jetzt gar nicht mehr vor. Trotzdem gibt es eine Szene, in der immer noch das verschwunden ist, was der olle Kerl genommen hatte. Wo ist es nun, wer hat es? Warum diese Szene? Einfache Antwort: Aus Selbstverliebtheit. Die Szene war so schön, sie transportierte eine ganz friedliche Stimmung mit einer unterschwelligen Bedrohung, mit einer netten kleinen Unruhe. So schön, so magenunfreundlich. So überflüssig.

Wie konnte ich nur denken, damit durchzukommen?

Ich bin gespannt, was die anderen Testleser sagen, ich freu mich drauf, ich weiß, es wird das Buch voranbringen und mich vor mir selbst schützen. Heute Abend treffe ich Nummer zwei.