Totaler Schaden in Australien

Ein Kurzkrimi anlässlich Objektiv gesehen 3 vom 2. Juli 2014 im Laika Neukölln. Neun Autoren wurden zwei Wochen vor der Lesung eingeladen, sich einen Fünf-Minuten-Vortrag zu diesem schönen Bild auszudenken:

Objektiv gesehen 3

Objektiv gesehen 3

Die höflichsten Menschen der ganzen Welt sind die Japaner. Sie werden sich nie beklagen, dich nie beschimpfen und sie werden niemals in dein Auto reihern. Es kann ihnen noch so schlecht gehen, der Magen oben und das Herz in den Knien, sie werden alles brav unten halten, selbst wenn sie grün sind. Und das waren sie gerade.

Im Rückspiegel sah Glenn nur den Japaner in der Mitte, Hishoto genannt, und ein Stück vom olivgrünen Gesicht der Ehefrau, deren Namen Glenn vergessen hatte. Die Oma sah er nicht. Hishoto, der Mittlere also, presste die Lippen zusammen, fahl-grünlich im Gesicht, während er auf die Büsche am Straßenrand starrte, als könnten die ihm helfen, seinen Kreislauf in die Spur zu bringen. Wie bei Seekranken. Dies war jedoch ein Nissan, kein Schiff. Den Nissan hatte Glenn extra ausgewählt, weil Japaner, wenn sie an der Tourist Information standen und die Schlange der Guides durchgingen, immer einen japanischen Wagen bevorzugten. Dem vertrauten sie nämlich.

Beim Verhandeln über den Fahrpreis hatte sich Glenn um eine warme Stimme bemüht, um ein Kleinkindlächeln sogar, und er hatte daran gedacht, den Dreien nicht direkt in die Augen zu schauen, sondern nur auf die Hälse, weil Japaner das so lieben. Direktheit ist ihnen zu rüde. Als sie in den Nissan stiegen, waren sie dankbar für einen solch wohlerzogenen Guide und nickten und lächelten glückselig, was das Zeug hielt.

Die ersten Meilen entlang der Küste Victorias verliefen denn auch ganz normal. Links der weite Ninety Miles Beach und das Meer. Hishoto und seine Frau wechselten sich ab mit Kommentaren: Look! Look! Gorgeous! Wonderful! Das mussten sie von Deutschen in irgendeinem Überlandbus aufgeschnappt haben. Nur die Oma schwieg. Vielleicht war sie schon taub und beteiligte sich grundsätzlich an nichts mehr. Die hätten sie auch in Tokyo lassen können.

Dann begann Glenn mit dem speziellen Programm. Er hasste Japaner, alle. Wer so lieb daherkam, immer Ja sagte, auch wenn er Nein meinte, nur um keiner Seele eine Schürfwunde zu bereiten, wer so ordentlich war und über alle Maßen reinlich, seine Nase nicht in der Öffentlichkeit putzte, niemals rülpste wie Glenn, der war anders als er. Der war arrogant. Was bildeten sie sich überhaupt ein, auch im Land Australien ging jeden Morgen die Sonne auf. Reichlich.

Sie hatten das Sonderprogramm mehr als verdient. Als erste Maßnahme zündete sich Glenn eine Kippe an, filterloses Zeug mit purem Krebs darin. Entsetzen in Hishotos Augen, natürlich keine Beschwerde. Dunkle Qualmwolken erfüllten den Innenraum und die Japaner husteten, so leise sie nur irgend konnten. Bis auf die Oma. Glenn streckte sich und linste in die äußerste Ecke des Spiegels, sah aber nur ihre Schulter.

Fünf Meilen weiter furzte Glenn. Prrrft–prrrrr-prft. Der Duft, den er aus Chili mit ordentlich Zwiebeln fabrizieren konnte, gefiel ihm. Und hinten? Hishotos Halsmuskeln spannten sich unterm Kragen, speckig glänzten die Wangen. Doch halt! Ein Stofftaschentuch unter der Nase; das war ja wohl gemein und nicht abgemacht. Wie arrogant! Glenn musste härter vorgehen.

Er zeigte auf die Schilder am Straßenrand, voller Lookouts und Beaches. Während man die Hälse danach reckte, stellte Glenn unauffällig die Sitzheizung im Fond an, ganz niedrig nur, gerade so, dass keiner die Wärme zuordnen konnte. Jahaa, Australien, Land der Sonne! Hishoto lief rot an, griff an seinen Kragen, ließ ihn aber zu, denn man entblößt sich nicht. Er fragte, ob man bitte angekommen sei. Nein, antwortete Glenn grinsend, man würde hier noch nicht anhalten, sondern bis zur schönsten Stelle fahren. Alle Touristen hielten hier, alle, wenn sie also nur etwas Geduld wahrten, hätten sie – Wow! – den most gorgeous Beach ganz für sich allein.

Nach weiteren fünf Meilen nahm Glenn das Steuer in die eine Hand, kramte mit der anderen unterm Sitz, fuhr absichtlich ein paar Schlangenlinien, zückte schließlich die Digicam und fragte nach hinten „Do you smile? … Do you reeeally smile?“ Keine Beschwerde, dafür weit aufgerissene Augen auf dem Display. Während Glenn die Kamera auf den Beifahrersitz warf, rief er in die muntere Runde, er hätte gehört, bei Japanern bedeute die Zahl Vier, das „Shi“, auch „Tod“ und ob es stimme, dass die Vier bei ihnen Panik auslöse. Natürlich fuhr man hier rein zufällig zu viert herum, und man müsse Glenn ja nicht mitzählen, er sei ja nur Australier.

Tja, und nun, kurz vor The Honeysuckles, schimmerte ihre dünne Haut durch und durch grün. Es sah aus, als würde Hishoto einiges herauf- und wieder hinunterwürgen, die Tränensäcke prall gefüllt. Seine Frau klammerte sich an ihn, die Augen geschlossen. Die Oma war vielleicht schon tot.

Lachend hielt Glenn an, die Japaner sprangen heraus, auch die Oma, und sie stolperten so schnell sie konnten durch den Busch zum Strand, die Hände an den Mund gepresst. Glenn schlenderte hinterher – und richtig, sie reiherten auf den schönen Ninety Miles Beach, krümmten und schüttelten sich und beeilten sich, weil Glenn sie nicht erwischen sollte, denn Kotzen in der Öffentlichkeit war vermutlich nicht weniger verpönt als das Putzen einer Nase. Aber Glenn machte wieder ein Foto.

Die Oma sah ihn zuerst. Mit einem Tuch wischte sie über ihren Mund, kam die Düne hoch, stellte sich vor ihn, verbeugte sich kurz und sagte: „We don’t drive home with four people.“ Was einherging, hatte Glenn noch nie erlebt. Aus ihrem Mund entwich ein Gestank, eine bitterere Wolke aus totem Fisch, verschimmeltem Broccoli, abgestandener Magensäure eines Steinzeitmenschen, ein Dunst aus tausend Jahre altem Rauch, voller toter Mäuse, totem grünen Tee, toten Fingernägeln, Urin, kurz, etwas walzte Glenn nieder, etwas Großes, Gewaltiges, unsagbar Verwestes, und das letzte, was er in seinem Leben dachte, war: Hätte sie im Auto ein Wort gesprochen, hätte der Nissan Totalschaden abbekommen.

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Ein ganz wunderbarer Abend!
Broccoli aus dem All landet auf dem Strand.
Affen, die einen WM-Ball einsammeln, der dann gesucht werden muss (Seht ihr nun auch die Affenspuren?).
Ein schwäbischer Hund, der neben Geldbeutel und anderen wertvollen Habseligkeiten im Sand verbuddelt wurde (Fritzle).

Und vieles mehr, was das Gehirn im Zickzack durch den Kopf rennen lässt.

Danke hierfür, liebe Marta.