Ein volles Ex ’n’ Pop

Lesung Poesie- und Whiskyclub im Exnpop

Immer wieder schön, wenn zu einer Lesung 30 Leute kommen, die man überhaupt nicht kennt, also nicht persönlich per Bus inklusive Heizdecke aus dem Freundeskreis ankarren musste – und sie kamen sogar im Regen und sogar ins schier unauffindbare Ex ’n’ Pop. Diesen Laden sieht man nicht, selbst wenn man unmittelbar vor ihm steht. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob die Hausnummer 157 jemals unter den Tägs und Plakaten angemalt war. Jedenfalls gehen auch die Vortragenden, die zum ersten Mal erscheinen, zunächst am Ex’n’Pop vorbei. Machen Sie sich keine Sorgen, alles ganz normal. Klappt schon.

Meine Kinogeschichte „Filmblut“ musste ich extra für den Anlass schreiben.

„Hey, Angela, magst du im Whiskyclub lesen? Bitte, bitte!“
„Klar.“
Tage später, kurz vor Einlass: „Thema ist übrigens Film, wegen der Berlinale. Aber du kannst irgendeinen Text lesen, muss nicht Film sein.“

Ich glaube, es ist mir in der Schule einmal passiert: eine Fünf wegen verfehlten Themas. Nicht schlimm. Dieses Mal kommen aber Leute nur wegen Filmgeschichten. Ich rieche Enttäuschung, ich sehe nicht so ganz verfehlte Tomaten auf mich zufliegen. Ich muss zur Tat schreiten und noch schnell eine Geschichte schreiben. Sie gerät nicht mal schlecht, aber deutlich zu lang für den Anlass, und da sie durch vier Protagonisten einigermaßen kompliziert ist (noch nie habe ich so viel erklären müssen, wer, was, wie, warum), lässt sie sich nicht schrumpfen, und ich glaube, die Konzentration der Zuhörer hat nur für die Hälfte gereicht. Der Schluss knallt dann wieder richtig rein wie Splatter, aber bis zum Schluss ist es zu weit.

Trotzdem gefällt sie mir und ich werde versuchen, sie in Ruhe zu optimieren. Vier Menschen im Kino, alle sehen das gleiche, und doch sitzt jeder in seinem eigenen Film. Die vier Leute sind miteinander verwoben. Am Ende eskaliert alles aufgrund von Missverständnissen, und Blut gibt es auch. Für die einen ist das der Tod, für die anderen nichts als Filmblut. – Unterschiedliche Realitäten eben.

Hier ein Auszug, in dem es um „Clément“ geht:

Clément liebte Chips. Er war spät dran gewesen, falsche U-Bahn, falsche Richtung, alles falsch also, und seine Schwester fror längst vor dem Kino. Seit Jahren wohnte sie in Berlin, aber er hatte es bisher nicht geschafft, sie zu besuchen. Als junger Arzt in der Klinik arbeitete er viel, denn in Paris brachte man sich fix in die Notaufnahme, indem man generell über rote Ampeln fuhr. Doch nun hatte seine Schwester ein Kind und er nun einen Neffen und man musste irgendwann einmal nachsehen, wer zur Familie gehört. Wenigstens einmal. – Er entschuldigte sich für sein Zuspätkommen und sie gingen ausgerechnet in dieses Melodram von Philippe (der diffusen Nierenschädigung), was keine Absicht war, denn als Clément Karten besorgt hatte und natürlich etwas Französisches haben wollte, eine Art cineastisches Gastgeschenk für sich selbst, waren alle anderen Franzosenfilme ausverkauft gewesen. Und so kam es, dass sie in Philippes Film saßen. Und nicht nur das! Clément hatte die Sitzreihe wegen der Verspätung im Dunkeln wählen müssen, und als sich seine Augen umgewöhnt hatten, oh Mann, direkt vor ihm: Philippe und Cathérine, die Schickse. Einmal hatte sie ihn mit dem Ferrari des Oberarztes gesehen (Clément hatte ihn nur für seinen Chef umgeparkt), und seitdem schob sie ihre Brüste nach vorn, wenn er sie im Krankenhausflur traf. Nieren-Philippe konnte einem leid tun, aber in ganz anderer Hinsicht, als er selbst es annahm. Hoffentlich kollabierte er nicht, sonst musste Clément helfen. Ferrari, schön wär’s. Clément kramte in der Chipstüte, ohne seiner Schwester etwas anzubieten; er war halt vergesslich.

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Die zweite Geschichte war „Klaus“, also eigentlich „Was gut klappt, sind Ravioli“. Klaus hat seine Nachbarin entführt und mit seiner Socke geknebelt, und er unterhält sich sehr freundlich mit ihr. Gezwungenermaßen ein Monolog. Oben im Bild sieht man ganz gut, wie sich ein hübscher Herr wegen Klaus amüsiert. Woher dieses Bild stammt? Von Christophe, dem coolen Nachbarn von Christian Raum. Der hat ein Video der Lesung gedreht. Ich versuche es zu bekommen. Klebeband und alte Socken habe ich ja genug.