Nie mehr nachhause kommen

raus

Kennt ihr das, erst einen nächtlichen Traum abschütteln zu müssen, bevor ihr den Tag starten und vernünftig arbeiten könnt? Wenn ich jetzt nicht über mein Erlebnis schreibe, wird das ein Tag mit dunklen, hämisch lachenden Gedanken, die immer wieder vorbeikrabbeln, selbst wenn man sie mit der Fliegenklatsche schlägt. Nein! Ich war heute morgen dermaßen froh, aufzuwachen – und in Berlin zu sein. Ja, tatsächlich: Da lag der Kleine neben mir, mein Sohn, mein Berliner Sohn, ganz wie es sein soll. Die Chancen, zuhause zu sein, standen nicht schlecht. Was war passiert?

Ich stand am Bahnschalter. In einem Dorf an der Bergstraße. In einem fünfzig Meter hohen Schalterhallengewölbe. „Einmal Berlin, bitte.“ – „Heute nicht mehr.“ – „Aber es ist doch erst Vier am Nachmittag?“ – „Der letzte ist weg.“

In der Ferne leuchteten Anzeigetafeln. Deren Schrift war einen Zentimeter klein und nicht zu entziffern. Abfahrtspläne hingen ebenfalls weit oben und weit weg. Der Schalterbeamte lachte. „Sie könnten höchstens über Döllböll fahren. Aber da kann ich Ihnen nicht helfen.“ – „Wo ist denn Döllböll?“ – „Finden Sie es heraus, ha, ha.“ Er widmete sich seinem Terminal und ich suchte den Schalter ab. Fand Döllböll auf einer Innenstadtkarte als kleines Viertel von Lützelsachsen. „Das ist ja in Lützelsachsen. Dann sagen Sie das doch.“ – „Döllböll heißt das.“

Jetzt eine Fahrkarte kaufen. Am Schalter ging es nicht. Automaten fand ich nicht, im ganzen Bahnhof nicht. Ich ging drei Mal herum, in alle Ecken. (Gleise fand ich übrigens auch nicht.) Eine fremde Frau schenkte mir zwei Euro, weil ich bedürftig wirkte, aber es gab nichts, wo ich sie hätte hineinstecken können. Vielleicht würde es Sinn machen, über Mannheim zu fahren. In Mannheim gäbe es auch Europcar, zur Not. Aber Moment, war ich nicht in Mannheim? Ein Opa antwortete mir: „Nein, das ist der Sulzbacher Turm. Sehen Sie den Kranich, der oben landet? Sulzbacher Turm!“ –„Das ist kein Kranich, das ist ein Känguruh.“  – „Ha, ha, ha. Stimmt, ein Känguruh.“ – „Ich sag doch, das hier ist Mannheim.“

Dann sah ich eine Art Laube, voller Europcar-Logos. Davor nur das Teuerste, was Mercedes zu bieten hatte. Egal, ich würde jeden Preis zahlen, um nachhause zu kommen. Berlin!

Am Schalter der Autovermietung eine Frau: „Hallo Frau T.! Wir warten schon. Sie wollen ein Auto mieten? Schreiben Sie uns erst einen Brief, wer Sie wirklich sind. Was Sie mögen. Was Sie tun den ganzen Tag.“ – „Unmöglich, das würde zu lange dauern. Ich will jetzt endlich nachhause.“ – „Gehen Sie zu meinem Kollegen.“ Der Kollege: „Hallo Frau T.! Wir warten schon. …“ Die beiden sagten wirklich T., nicht Temming. Wobei, was heißt schon „wirklich“?

Erste Tränen verschwammen das Bild. Die riesige Halle ohne Automaten, diese Menschen, die keine waren. Zum ersten Mal der Gedanke, das müsse bitte, bitte ein Traum sein. Ich versuchte aufzuwachen, krampfhaft, aber – obwohl es meistens hilft, aufwachen zu wollen, dieses Mal ging es nicht. Dann begriff ich: Ich brauchte eine Verbindung nach Berlin, jemanden von außen, der mich hier herausholen konnte. Also zückte ich das Mobiltelefon und rief meinen Mann an. Als er sich meldete, wachte ich auf.

Gott sei Dank hatte ich Netz.