Die Außenwelt RELOADED

Plötzlich fiel mir auf, der Text hat gar keinen vernünftigen Schluss. Das ist dann der Vorteil eines nichtveröffentlichten Textes, der einzige schöne Trost, dass man ihn jederzeit ändern kann. Den Podcast muss ich noch entsprechend neu aufnehmen, aber hier kommt vorab die Außenwelt, wie ich sie am 18. November 2012 im Neuköllner Hausboot gelesen habe. Ich glaube, es kam gut an, man lachte, man hielt auch mal den Atem an, und man bedankte sich am Ende bei mir. In diesem Text zeige ich endlich mal mein gigantisches Herz. Also!

Die Außenwelt RELOADED

Nach nur einem Tritt flog die Wohnungstür auf. Bah, was ein Gestank. Beißend streng. Nach … Desinfektion. Willkommen im Neuköllner Souterrain, dachte Kriminalhauptkommissar Hardwig Enno Schneider. Er tastete eine kalte, glatte Wand entlang – da, ein Schalter. Nervöses Neonlicht. Vor ihm lag ein schmaler Flur, typisch für einen 70er-Jahre-Neubau. Ach, die Siebziger, und ach, Gloria Gaynor. Hardy streichelte seine Koteletten, die heute wieder als schick galten, und entspannte sich.
Die Putzfrau dieser Bude hatte den Mieter als vermisst gemeldet, anonym natürlich. Nichts wüsste sie über ihn, nur, dass er immer spazieren durch Hasenheide, wenn sie wischen seine Boden. Und nun seit Wochen keine Boden mehr. Kein Schlissel. Nicht wissen.
Schon merkwürdig, dachte Hardy jetzt, eine Zugehfrau, die ihre Kundschaft nicht bis zum hintersten Schlüppi kennt. Selbst das Meldeamt wusste mehr: Fünfundvierzig war der Kerl, wie Hardy, ledig, wie Hardy, aber Freiberufler.
Den Rest würde man gleich erfahren. Er bog um die Ecke. Er blieb im Türrahmen stehen. Er röchelte etwas Schleim die Nase hoch und kratzte seinen Wanst.

Niemand weste vor sich hin. Der niedrige Raum, vom Boden bis zur Decke schneeweiß gekachelt, war so kalt und leer, eine Leiche hätte ihn geradezu heimelig gemacht. Einzig in der Mitte stand ein Bett. Ein cremefarbenes Gitterbett, so eines wie in rumänischen Krankenhäusern, aber tip top im Lack. Am Fußende hing eine Tafel, unbeschriftet, als hätte man den Mann bereits ausgelöscht.
Dieser Hygienemief. Hardy schlurfte in seinen Sandalen, unter denen halb Neukölln klebte, über die astrein glänzenden Fliesen und sperrte die kleine Luke auf, die ein Fenster sein sollte. Warmer Juni strömte herein. Draußen Berliner Hosenbeine, Burkas, Räder von Kinderwagen, Motoren, das Leben, die Welt. Hier drinnen: das Nichts. Keine Schränke, kein Tisch und auch nicht die Details, wegen derer Hardy solche Einsätze, für die er nur bedingt zuständig war, liebend gerne an sich zog: Lustmuschis unterm Bett und das Gejammer von Muttern auf dem Band, wo die Wäsche bliebe. Nichts, kein Fingernagelschnitz entweihte diesen geleckten Boden, und Hardy fand den Mann einfach nur krank.
Klar, man konnte gehen.
Doch Herr Saubermann war zu lange nicht in sein Bettchen gekrochen, ohne dass die Putzfrau Bescheid wusste. Er war tot. Unnatürlich tot, mit Mitte vierzig. Nur leider lag seine Leiche nicht hier, und wenn Leichen nicht zuhause waren, machte das Umstände. Hardy trat an das kranke Bett dieses kranken Mannes und ließ den Hintern mitsamt der Cordhosen, die er erst seit wenigen Wochen trug, in das weißbauschige Plumeau sinken.

Etwas Hartes. Unter der rechten Pobacke. Ungelenk rutschte er zur Seite und hob die Decke an. Ein Buch lag da, und schau mal einer guck, der Vermisste selbst stand als Autor drauf. Ein Schriftsteller also, ein Prediger, ein Freak, der in Büchern lebte und offensichtlich das Sterile pries. Bazillen einschleppende Besucher von draußen, wie Hardy, behaart an den Fingern, mussten ihn wahnsinnig machen. Gut, auch Hardy lud nie die Kollegen zu sich ein. Aber genau deshalb sparte er sich die ganz große Putzerei. Kommt keiner, muss man auch keine Seife ins Klo spritzen. Hardy fuhr mit dem Finger über die blanke Tafel am Fußende des Bettes. Kein Staub. Eigentlich sah es hier überhaupt nicht danach aus, als hätte wochenlang niemand sauber gemacht.
Am offenen Fenster hielt – Ruggediguu – eine Taube und glotzte. Hardy hob das Buch, zielte, doch jetzt war er wohl selbst schon krank – ein Tier zu erschlagen in der Wohnung eines Toten, den vielleicht auch einer erschlagen hatte. Nein, Grenze.
Aber Taube hin oder her, es war eine Unterbrechung. Die Außenwelt. Er war nicht mehr alleine hier. Er wurde beobachtet.
Nur noch ein Blick unters Kopfkissen und dann aber los.
Hardy streckte die Hände aus. Wind zog durch den Raum und knallte das Fenster zu, und schon war die Taube weg. Hardy hob das Kissen hoch.
Ein Stück Kreide? Blöde weiße Schulkreide, im Papier. Scheiße alles hier! Im leidigen Backenzahn drückte ein Rest Currywurst. Den pulte Hardy heraus und schnippte ihn Richtung Fenster. Traf aber nicht.
„Aufheben!“
Eine ältere Frau in einer grellgelben Kittelschürze füllte die Tür aus. Sie war mager, aber so groß, dass ihre hochgesteckten Haare den Türrahmen berührten, und ihre Makarow, neun Millimeter, schallgedämpft, berührte Hardys Erinnerung. Die Polizistenmorde, die bei den Jungs von der Siebten lagen. Hätte man mal einen nachhause eingeladen und sich über die Masche des Serienkillers unterhalten.
Hardy deutete auf das Würstchenstück am Boden. „Wozu aufheben, ich geb Ihnen einen Fünfer und Sie wischen kurz drüber.“
„Sie glauben doch nicht, dass ich Ihr ausgespucktes Essen anrühre.“
„Sie sind die Putzfrau, die angerufen hat.“
„Für Sie immer noch Lehrerin. Meine Frühpensionierung war reine Willkür. Ich hätte noch Jahre unterrichtet, Jahre. Aber sie wollten mich mundtot machen. Und dann haben sie mir Polizisten geschickt, blaue, schicke, starke, gemeine Männer, die mich vor der ganzen Klasse abgeführt haben, in Handschellen, nur weil ich mich mit den Erstklässlern zwecks Protest fünf Stunden eingeschlossen hatte. Aber Gott sei Dank gibt es in unserem Staat Bewährung für harmlose Menschen.“
„Dann verstehe ich, wenn Sie keine Polizei mögen. Haben Sie den Bewohner hier auch irgendwo eingeschlossen? In einem Sarg vielleicht?“, fragte Hardy, während er vom Bett auf die Füße rutschte.
„Nein, nein, niemals würde ich einen Schriftsteller verletzen, sind Sie verrückt? Ich liebe das gedruckte Wort, das ist doch das einzige, was in den Köpfen unserer Kinder bleibt. Nein, der Herr liest in Köln. Das ist ja mein System. Putzen für viele Autoren in Berlin. Irgendwann Lesereise … Ruf ich Polizei, vermisse sie schlimm … Und wenn sie heimkommen, platzen sie mitten in einen Tatort hinein. Die Krimischreiber sind so was von dankbar. Und mir tut es einfach gut, Gutes zu tun.“ Sie lud die Makarow durch. „In dieser reduzierten Dekoration werden Sie besonders wirken, vertrauen Sie mir, ich habe lange Jahre die Theater-AG geleitet. Jetzt nehmen Sie die Kreide und schreiben Sie mir flink Ihren Namen auf die Tafel da. Schönschrift, bitte.“
„Tut mir leid wegen der Currywurst auf den schönen Fliesen. Darf ich das bitte noch schnell in Ordnung bringen?“, fragte Hardy.
Ihr Auge zuckte. Sie kam in den Raum und hielt die Pistole fester. „Aber brav sein.“
Er ging um das Bett herum. Jetzt war ihm schon wohler, wenigstens das Metallgestell zwischen sich und die Pistole gebracht zu haben. Kaum hatte er sich jedoch gebückt, den Fleischfetzen aufgehoben und in seine Hosentasche gesteckt, drückte die Lehrerin ab.
Genau in dem Moment landete wieder die Taube vor dem Fenster, stolperte und schlug mit dem Kopf gegen die Scheibe, Tock!, und weil die Lehrerin einen ganz kleinen Moment erschrak, verzog sie die Waffe um fünf Millimeter, so dass die Kugel an Hardy vorbei zum Fenster schoss. Es brach, es klirrte, die Frau schrie wütend auf, und Hardy gab dem Gitterbett mit voller Wucht einen so kräftigen Stoß, dass es über die Fliesen ratterte, bis es an dünne, alte, zu Osteoporose neigende Knie krachte und diese ebenfalls brachen wie zuvor die Fensterscheibe. Frau Lehrerin sah unglücklich aus.
Als Hardwig Enno Schneider später den Kollegen den Tatort übergeben hatte, trat er auf die Weserstraße hinaus. Es dämmerte schon. Menschen drängten sich an den Bändern, Blitzlicht, Blaulicht, Blitzlicht, es war fast wie immer im trostlosen Schatten Neuköllns.
Vor dem Fensterchen im Dreck lag die kleine Taube. Hardy dachte an die Kugel, die das Fenster zerschlagen hatte, und er wollte sich schon einen kaltschnäuzigen Spruch zurechtlegen, aber als er das unförmige Geflügel mit der Stiefelspitze umdrehte, sah er kein Blut. Im Gegenteil, die Gute lebte, und nun wackelte sie mit dem Fuß. Er bückte sich, nahm sie schnell hoch unter seine Lederjacke, dass es die Kollegen nicht sahen, und pulte in seiner Hosentasche nach dem Stückchen Currywurst. Doch er besann sich. „Ach weißte, wir zwei beide gehen jetzt fein Gemüseburger essen.“