Lieber Leser, woher ich Herrn W. kenne? Er ist Ihr Nachbar.

In den letzten Monaten haben mir einige Zuhörer erzählt, wie lebendig meine Figuren in ihren Köpfen herumspringen. Ich bekomme das, falls es gut läuft, schon während des Lesens mit, wenn sie stöhnen (Hardys Rotze) oder lachen (Jennys Ungeschicktheit). Aber ich mag die anschließende Nachfrage, wie man auf solche Protagonisten kommt. Am Samstag musste ich zugeben, dass Gottlieb W. ein wenig fiktiver als fiktiv ist, dabei würde ich gerne sagen, dass alles reine Fantasie ist. Denn worin liegt die Kunst, wenn ich bloß eine reale Person abknipse?

Ein bisschen arbeiten muss ich aber schon und letzten Endes ist es immer eine Mischung. Meist fällt mir eine Zwangshandlung auf: ein Mensch, der ununterbrochen röchelt. Jemand, der seine Hosen hochzieht, und zwar immer an der gleichen Stelle auf dem Gehweg. In der Therme die Frauen, die sich blöd grinsend huckepack an ihren Mann hängen, als müssten sie demonstrieren: „Das ist meiner! In der gemeinsamen Umkleide stehen unsere identischen Goretex-Schuhe und hängen unsere identischen Winterblousons, aber hier, wo wir nackig sind und niemand unsere identischen Adidas-Schlüppis unter Wasser sieht, hier sind wir Partner fürs Leben – und darüber hinaus –, indem wir uns besinnungslos aneinander krallen.“

Sorry, abgeschweift. Herr W. ist also fiktiv, Gott sei Dank, und was mit ihm geschieht, ist ein zwangsläufiges tragisches Ende aufgrund seines literarisch gewollten Charakters, jedoch kein echter Wunsch meinerseits. Gäbe es Herrn W. und würde er ableben, ich wäre gezwungen diese Geschichte niemals mehr vorzulesen. Ich habe ja ein Gewissen. Ich habe also im Gegenteil ein starkes Interesse daran, dass Herrn W., würde er leben, nichts passiert.

Ein Protagonist besteht bei mir aus einer Marotte und dem ganzen Rest, der mehr oder weniger dazu passt. Warum hat derjenige das, warum kann er nicht damit aufhören, wie wirkt es auf andere, wie reagieren die und wie reagiert er wiederum darauf? Marotten sind entweder eklig oder lächerlich, selten genial und bewundernswert (höchstens, man kann damit zu „Wetten, dass …?“ gehen). Die Figur wird also gemieden oder ausgelacht. In der Regel wird sie ihren Zwang verstecken wollen. Herr W. zum Beispiel glaubt sich morgens beim Hosehochziehen unbeobachtet, weil die Rentner schon im Bus sitzen und jüngere Leute nicht in der Gegend wohnen (den Absatz darüber habe ich zwecks Straffung gestrichen, aber er gilt weiterhin). Er angelt gerne nachts, wenn niemand es sieht; abgesehen davon beißen dann die Fische besser, und die Würmer, die gerade den Kopf rausgestreckt hatten, um Tau zu suchen, wurden frisch gepflückt. Jemand, der stundenlang stumm angelt, braucht aber den Ausgleich, seine Mitmenschen anzubrüllen. Jemand, der brüllt, wird nicht mehr zuvorkommend behandelt und das bis zum Paketzusteller.

Und so weiter. Man holt sich seine Anregungen von der Straße (gerne auch aus der S-Bahn) und spinnt sie fort. Klischees sind auch mal okay. Ich gebe mir aber Mühe, Freunde nicht zu verwursten, und es wäre mir peinlich, wenn sich je einer in meinen Texten erkennen würde. Übrigens habe ich einmal jemanden erkannt, wirklich absolut zufällig: Axel, der beim BKA arbeitet und ein seltenes Instrument spielt. Das tat er auch in dem Buch, das ich las, beim BKA arbeiten und alles, nur dass er dort Alex hieß. (Es ist schlecht, aber ich behalte es, damit ich nicht eines Tages glaube, mir alles nur eingebildet zu haben.) Axel/Alex! Wie originell und schockierend. Ich fühlte mich wie Truman aus der Show: Lese in meiner Freizeit, auf meinem Sofa, mit meiner Limo und meinen Füßen auf den Kissen, und plötzlich kippt die Realität, das Buch ist um mich herum und ich bin nur Teil des Buches, bekannt mit Alex, kenne auch die anderen Protagonisten, Wind streift meinen Nacken, und ehe ich kapiere, trägt jemand mein Sofa weg in eine andere Kulisse.

Ich glaube nur an Übersinnliches, so weit es wissenschaftlich belegt und mindestens fotografiert ist, aber jener Zufall wird mich für den Rest meines Lebens begleiten. Er wird huckepack an meinen Schultern hängen und jedes Mal, wenn ich mir die Hosen hochziehe, wird er ganz nah an meinem Ohr flüstern: Na, hast du schon mit dem BKA telefoniert oder bist du erst auf Seite drei?

Meine Kollegin Carola Wolff hat daran gedacht, Bilder von der Goldschmiedewerkstatt zu machen, in der wir am Samstag lasen. Der Raum war winzig und bot nur wenigen Leuten Platz, doch wie so oft gab es etwas für mich mitzunehmen: Chef Selbiger erzählte von seiner Arbeit, von den Typen, die in den Laden kommen und die angeblichen Goldringe ihrer Großmutter zu Geld machen wollen, von den hochwirksamen Giften, die irgendwo hinter uns im Regal standen, vom Gas, das zum Löten gebraucht wird. Die Werkstatt vollgestopft mit Maschinen, Zangen, Hammern, Zetteln, Postkarten, Schachteln, Dosen, Ordnern. Der fette Tresor blieb verschlossen, aber das macht nichts, für einen neuen Helden wird es reichen.

*) Neben Goretex und Adidas wäre in unserem Land vermutlich eine Marke namens Waschbärchi beliebt.