Was machen die Daumen?

Sie drehen und drehen sich. Ich freue mich auf vier Wochenenden Lesetraining im September. Endlich professionelles Feedback! Mich quält die Angst, übertrieben zu lesen und die Zuhörer heraus zu reißen. Sie sollen nicht denken: Ah, die da vorne hat das geschrieben, aber was war doch gleich mit der Figur? – Natürlich ängstige ich mich gleichzeitig davor, zu leise, zu öde, zu unbetont zu lesen. Ich bin so. Ich schnippe mit dem Finger, wenn eine gelangweilte Komplikation des Weges kommt und nach Kundschaft fragt. Die Unsicherheit liest also immer mit.

Darauf beruht zum Beispiel die grundsätzliche Frage, ob Blickkontakt oder nicht. Schauen, wie das Publikum reagiert? Stört man es nicht dadurch? Ist es nicht besser, die eigene Person in den Hintergrund zu stellen, gar nicht mehr da zu sein und den Text alleine wirken zu lassen? Andererseits, zeigt nicht der gut laufende Absatz von Hörbüchern, dass man auch eine Stimme hören möchte, eine Interpretation? Etwas Lebendiges?

Im August lese ich voraussichtlich an einem Abend drei Mal (dazu demnächst mehr), im Oktober an drei Abenden und ein weiteres Mal wahrscheinlich im November im Neuköllner Hausboot. Dank den wunderbaren Berliner Mörderischen Schwestern und Leander Wattig.

Von drei neuen Geschichten ist eine fertig, die zweite so gut wie fertig und die dritte macht mich fertig. Je nach Schluss wird sie komisch oder beklemmend ausfallen. Ich möchte aber keine Geschichte in den letzten Absätzen kippen, also muss der Ton von Anfang an stimmen. Nun grüble ich seit Wochen beim Radfahren über den Schluss, damit ich endlich loslegen kann, bekomme aber kein Gefühl für die Figur. Vielleicht funktioniert es, wenn ich ein paar Absätze formuliere und unterwegs herausfinde, wohin der Text möchte; nur, um am Ende komplett neu anzufangen.

Dabei bin ich eigentlich jemand, der vor dem Schreiben alles geplant haben möchte. „Aus dem Bauch heraus“ würde bei mir nur im Chaos enden, weil es doch so viele spannende Abzweigungen gibt zwischen Anfang und Ende. Hier noch eine Figur und da noch eine Anekdote, ein skurriler Schauplatz, ein Gag. Finde ich nicht wirklich gut (es sei denn, man schreibt einen hektischen Text über einen Maniker), passiert aber allzu leicht und braucht darum strukturiertes Arbeiten. Ich habe mir angewöhnt, auch für Kurzgeschichten einen logischen Abriss zu skizzieren, und fahre damit recht gut. Letzten Endes wächst die Geschichte immer aus der Figur und ihrem Antrieb.

Und weil das alles zwar spannend für mich ist, mein Vermieter aber keine Kurzgeschichten akzeptiert, lebt inzwischen wieder verstärkt die Grafikerin in mir, mit deren – nicht unangenehmen – Aktivitäten ich mir meine Zeit teilen muss. Immer, wenn ich bloggen möchte, illustriert die Kuh irgendwas.

Im Oktober lese ich einmal aus der fertigen Geschichte „Gottlieb W. zieht seine Hosen nicht mehr hoch“. Hier der Anfang.

Am Freitag, dem fünften November, zog Gottlieb W. seine Freizeithosen nicht hoch. Halb neun am Morgen, genau seine Zeit, doch das Blättchen und die Schrippentüte blieben auf dem Tresen liegen. Er kam nicht.
„Der muss tot sein, Elsbeth. – So, drei Hörnchen, sonst noch was? Dann eins zwanzig. – Vielleicht sollte man klingeln.“
„Der ist nicht tot, sonne Leute leben ewig. Leute, die rumschreien, verstehste, die sich abreagieren. Die fressen nüscht in sich rein, die kriejn keen Krebs. Hallöchen, ohne Milch und Zucker, wa?“

Wie immer um halb neun saß ich mit Kaffee am Schreibtisch und las die Schlagzeilen. Wintereinbruch, drei Tote auf der A 100. Ich schielte am Monitor vorbei auf die Straße und sah eine gefrorene Pfütze auf dem Gehweg, dort, wo der alte W. täglich seine Hosen hochzog. Jeden Morgen, immer um halb neun, jedes Mal gleich: Mit beiden Händen fasst er seinen Hosenbund und ruckt ihn zwei Mal kurz nach oben. Ruckruck. Dann noch fünf Schritte und er betritt, den Kopf erhoben, die Schultern zurück, ganz stolz wie einer, dessen Hosen sitzen, die Bäckerei. Nach zehn Sekunden kommt er wieder heraus.
Ich wusste, heute nicht.