Hardy in der Kirche

Meine zweite Lesung. Organisiert von den Mörderischen Schwestern, Mitte Januar im kleinen Café der Heilig-Kreuz-Kirche Kreuzberg: Meterhohes Gewölbe, durchzogen vom strengen Duft Schwarzen Tees. Gedämpftes Licht, das die Gemälde an der Wand unwirklich verzerrt erscheinen lässt. Im Raum liegt eine Ruhe voller Ernsthaftigkeit, in der sich ein Mensch höchstens traut, leise zu schmunzeln.

Hardy passt in eine Kirche wie ein staubiger Kartoffelsack in ein frisch geputztes Bad. Hier stößt intellektuelles Publikum auf meinen Text, für den ich zwar kein Schenkelklopfen erwarte, den ich aber maximal auf Kniehöhe ansiedeln würde, irgendwo zwischen prollig und schnodderig. Regionalkrimi eben, sonst nichts. (Man kann seine Unzulänglichkeiten wunderbar ignorieren, wenn man das Regionale vorschiebt. Nur ein doofer kleiner Berlinkrimi, aus dem sich die Figur des Hardy mal eben selbständig macht, um ein kurzgeschichtenkurzes Nebenleben zu führen. Das ist schon alles.) Hier sitzen belesene Menschen, denen ich nichts vormachen kann. Entsprechend groß ist meine Angst und entsprechend fahrig meine Ansage, wer ich bin.

Und die Angst scheint sich zu bestätigen. Niemand lacht. Ich lese und weiß nicht, wie es den Leuten dabei geht, ob es sie nervt, entsetzt oder unterhält. Gleich eine Bitte von weit hinten, etwas lauter zu sprechen. Sonst Schweigen. Dunkelheit. Meine Stimme, ganz allein. Ich drücke das Kreuz durch und hebe das Blatt etwas an, um geradeaus zu lesen und nicht nach unten, und es folgt keine weitere Beschwerde. Habe ich es bereits ruiniert? Oder sind die anderen entspannt, wenigstens die? Warum bloß dieses Schweigen, als wäre keiner da. (Tage später die Erkenntnis: Die Leute hatten mitbekommen, dass sie zu fünfzehnt waren, und geahnt, sie würden durch Kichern auffallen.)(Einen Tag später der Zweifel: Möglicherweise ist die Geschichte nicht lustig.)

Umso mehr freut mich, als sich am Ende der Veranstaltung eine Zuhörerin „für diese Geschichte und die Figur des Hardy“ bedankt (Sagte sie „zauberhaft“?). Bei mir. Jemand bedankt sich bei mir. Ich glaube, ich habe nach meinem Part völlig vergessen, „Danke“ ans Publikum zu sagen, vor lauter Aufregung, und dann schiebt sich jemand vor mich und bedankt sich, fragt nach dem Buch und verspricht mir mit göttlich kraftvoller Zuversicht, ich würde einen Verlag dafür finden. Jemand in anständigen Kleidern, mit Gefühl in der Stimme, jemand mit klaren, sorgsam ausgewählten Wörtern. – Danke.

Ich muss mich ans Lesen gewöhnen. Nicht so sehr ans Lesen selbst, sondern an das Drumherum. Menschen, die zuhören, die auf meine Figuren reagieren, die mehr von mir hören wollen und sich nach dem Buch erkundigen. Das ist fantastisch.

(Das Buch: Ich habe noch keine Absage, mehr verrate ich in den kommenden Monaten. Natürlich hätte auch ich gerne bald eine Antwort; ebenso natürlich steht es mir nicht zu, die üblichen Abläufe im Verlag in Frage zu stellen. Ich helfe mir mit dem Weiterarbeiten an anderen Stellen. Ich lese derweil; nichts inspiriert mehr als ein gutes, packendes Werk, und eine Reise, notfalls mit der S-Bahn nach Biesdorf.)

Ja, trotz aller Zweifel und trotz aller Versuche anderer Baustellen, mir die Zeit zum Schreiben zu rauben, glaube ich, auf dem rechten Weg zu sein. Die Geschichte mit Hardy und der leeren Wohnung, die ich für die Lesung im Oktober beim Jour Fitz geschrieben hatte, habe ich nach Neukölln verlegt. Das tat ihr ganz gut. Hardy ist Neuköllner. Für mich ist es einer der interessantesten Bezirke Berlins, vielleicht gerade wegen der Arroganz, die ihm entgegenschlägt. Vielleicht schreibe ich auch so gerne den Schmodder von unten, weil er auch uns Spießern an den Pumps klebt, wenn wir denn mal ehrlich genug sind, die Sohle zu lupfen.

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