Die Außenwelt

Update: Ich habe die Geschichte nach Neukölln verlegt. Bitte hier entlang.

Ich durfte gestern beim Jour Fitz lesen. Dafür danke ich dem Initiator, Organisator und Katalysator Jan-Uwe Fitz. Sein Sprung in meine Lesung war nicht abgesprochen, und ich glaube, ich habe nicht adäquat reagiert. Habe ich überhaupt reagiert? Ich war im Buchrausch.

Als Herr Fitz mich vor ein paar Monaten erwartungsgemäß charmant zur Lesung drängte, sagte er: „Ich werde dich von der Bühne ziehen müssen, du wirst nicht anderes mehr wollen, als zu lesen.“ Prophet ist er auch noch.

Ich danke auch den Zuhörern, den Zusprechenden vor und nach meinem Beitrag und den vielen Twitternden, die mir die Daumen drückten, die gerne dabei gewesen wären, die mich durch die Stunden davor gebracht und mich geherzt haben. Der Taxifahrer fragte mich, ob ich zu einem Date unterwegs sei. Ja, mit euch.

Den Text habe ich für den ollen Fitz verfasst. Es ist kein Ausschnitt aus meinem unveröffentlichten Krimi-Manuskript, obschon Hardy Schneider einer der beiden Ermittler ist. (Der Text liegt zur Ansicht bei einem Verlag. Tatsächlich nur bei einem; mag verrückt sein, aber es wäre der optimale Verlag für meine Geschichte.)

Und hier zum Lauschen.

Die Außenwelt

Hardy Schneider betrat die fremde Wohnung. Bah, was ein Gestank nach Desinfektion.

Seit zwei Wochen wurde der Mann vermisst. Seine Putzfrau, am Morgen wieder vor verschlossener Tür gestanden, hatte der Eins-Eins-Null mitgeteilt, anonym natürlich, nichts über den Mann zu wissen. Nur, dass er immer spazieren durch Prenzlauberg, wenn sie wischen seine Boden. Und nun keine Boden mehr. Nicht wissen.

Mehr wusste die Datenbank. Anfang vierzig, keine Angehörigen, Freiberufler. Die Nachbarn befragte Hardy noch nicht; erst mal die Tür aufbrechen.

Hier stand er also – Kriminalhauptkommissar Hardwig Enno Schneider –, im Ein-Zimmer-Neubau, röchelte etwas Schleim die Nase hoch und kratzte seinen Wanst.

Niemand weste vor sich hin. Der Raum, vom Boden bis zur Decke schneeweiß gekachelt, war so leer, eine Leiche hätte ihn heimelig gemacht. Einzig vor dem Fenster stand ein Bett. Ein helles Gitterbett, so eines wie in rumänischen Krankenhäusern, fand Hardy, aber tip top im Lack. Am Fußende hing eine Tafel, unbeschriftet, als hätte man den Mann bereits ausgelöscht.

Der scharfe Hygienemief trieb Hardy voran. Er schlurfte über die glänzenden Fliesen, wissend, dass unter seinen Stiefeletten halb Neukölln klebte, und sperrte das Fenster auf. Milder Oktober. Draußen Berliner Dächer, unten Motoren, das Leben, die Welt. Hier drinnen: das Nichts. Der Kerl hauste so karge, als gäbe es Möbel Höffner nicht. Keine Schränke, keine Stühle, kein Tisch und auch nicht das, was Hardy an diesen Einsätzen liebte: Lustmuschis unterm Bett, das Gejammer von Muttern auf dem Band, wo die Wäsche bliebe, Müll, der Krankheiten verriet, also in der Art: zehn leer gequetschte Herpessalben, ergo, echtes Lippenproblem, irgendwo am Körper. Nichts, kein Fingernagelschnitz lag auf diesem geleckten Boden, und Hardy wettete, die Krankheiten dieses Patienten saßen eher oben.

Klar, man konnte gehen.

Doch Mister Sauber war zu lange nicht in sein Bettchen gekrochen, ohne dass die Putzfrau Bescheid wusste. Er war tot. Unnatürlich tot, mit vierzig.

Blöd, wenn Leute nicht zuhause ermordet wurden. Ab und an erzählte Hardy der Spurensicherung, wie er Leichen am liebsten hatte: wie Sonntagsschrippen, frisch und im Bett. Zugedeckt. Er ließ den Hintern mitsamt der Cordhosen, die er erst seit wenigen Wochen trug, in das weißbauschige Plumeau sinken.

Etwas Hartes. Unter der rechten Arschbacke. Umständlich rutschte er zur Seite und hob die Decke an. Ein gelbes Buch lag da, und schau mal einer guck, der Vermisste selbst stand als Autor drauf. Ein Schriftsteller also, ein Prediger, ein Freak, der in Büchern lebte und das Sterile vorzog. Besucher wie Hardy, behaart an den Fingern, mussten ihn mürbe machen. Gut, Hardy blieb daheim auch lieber alleine, aber er übernahm sich nicht so. Wenn keiner kommt, muss man nur selten Seife ins Klo spritzen.

Am offenen Fenster landete – Ruggediguu – eine Taube und glotzte. Hardy hob das Buch, zielte, aber wie krank war das, ein Tier zu erschlagen in der Wohnung eines Toten, von dem man noch nicht wusste, ob es es ihn nicht genauso erwischt hatte. Taube hin oder her, es war eine Unterbrechung. Die Außenwelt. Er war nicht mehr alleine hier. Er wurde beobachtet. Das Kopfkissen sollte seine letzte Aktion werden, mehr gab es hier nicht zu holen. Schätze unter der Matratze … nicht in Berlin.

Hardy streckte die Hände aus.

Wind zog durch den Raum und knallte das Fenster zu, und schon war die Taube weg.

Hardy hob das Kissen hoch.

Ein Stück Kreide? Blöde weiße Schulkreide, im Papier. Scheiße alles hier! Im leidigen Backenzahn drückte ein Rest Currywurst von Konopke. Den pulte Hardy heraus und schnippte ihn Richtung Fenster. Traf aber nicht.

„Aufheben!“

Eine zwei Meter große Frau in einer riesigen Kittelschürze füllte die Tür aus. Ihre hochgesteckten Haare berührten den Türrahmen, und ihre Makarow, neun Millimeter, schallgedämpft, berührte Hardys Erinnerung. Die Polizistenmorde, die bei den Jungs von der Siebten lagen. Hätte man mal einen eingeladen.

„Wozu aufheben“, sagte Hardy, „ich geb Ihnen einen Fünfer und Sie wischen kurz drüber.“

„Welch Abwechslung! Humorvoll und dazu uniformlos. Endlich schickt man jemand Wichtiges.“

„Aha, Aufmerksamkeit wollen Sie.“

„Man hätte mich nicht frühpensionieren sollen.“

„Und der Autor hier, haben Sie den auch erschossen?“, fragte Hardy, sich nähernd.

„Er liest in Köln. Das ist ja mein System. Putzen für viele Schriftsteller in Berlin. Irgendwann Lesereise … Ruf ich Polizei, vermisse sie schlimm … Und wenn sie heimkommen, finden sie keinen Müll mehr, außer einem toten Polizisten. Die Krimischreiber sind dankbar.“

Sie lud die Makarow durch.

„In dieser reduzierten Dekoration werden Sie besonders wirken, vertrauen Sie mir, ich habe lange Jahre die Theater-AG geleitet. Jetzt nehmen Sie die Kreide und schreiben Sie mir flink Ihren Namen auf die Tafel. Schönschrift, bitte.“