Berliner Klischees

Kurz nach der Geburt meines fünfzehnten Kindes fragte mich eine Mutter aus der Kita, ob ich „auch nur zuhause“ sei. Unverschämtheit, mir so ä Frag zu stelle, immerhin ist das Jüngste null und das Älteste erst vier.

Der Granatsplitter juckt jedoch. Was tue ich also in meiner Elternzeit?

Ich stille den halben Tag, wickle den Po und wackle mit Clowns. Einkaufen und so. Den anderen halben Tag verbringe ich mit Kneten und Malen, Trennen und Trösten, weiterhin Stillen und Wickeln und Wackeln, Abendbrotwache, Zähne und Töpfchen putzen, Popo wischen, Eincremen, Umziehen, Vorlesen. In meiner Freizeit genieße ich den Spaß mit den ominösen Wäschebergen, gegen die der Mount Everest ein Krümel ist.

Wird mein Lotterleben von Menschen erfragt, denen ich zutraue, Bücher zu lesen, antworte ich mit „Ich versuche nebenher ein Buch zu schreiben.“ Meist interessiert es, um welche Gattung es sich handelt, und ich sage ruhigen Gewissens, als Hausfrau reicht es zum Krimi. Es gibt Leute, die dann noch mehr wissen wollen, und wahre Perlen helfen sogar freiwillig, den Plot zu entwirren.

Die Nacht ist zum Schreiben und Stillen da, das Schlafen habe ich kunstvoll eingestellt und dunkleren Eyeliner angeschafft.

Zwischendurch nutze ich minutenweise Twitter, durch das ich Menschen in ähnlich unorientierter Verfassung gefunden habe, überarbeite mein altes Manuskript, was sich mittlerweile so schwierig gestaltet wie fünfzig Mal mit denselben Karten Memory spielen, und erstelle mindestens alle halbe Jahre einen Blogbeitrag. Um spätestens halb drei nachts schließe ich Scrivener, denn ohne Disziplin geht es nicht.

Besucher schneien immerhin noch freundlich herein, drei Viertel von ihnen kommen über den Garten, schauen durch die Scheibe und winken, so dass ich mich schlecht verstecken kann. Es freut mich, als unkompliziert zu gelten, andererseits zwingt es mich, die Hausfrauenleggins im Schrank zu lassen und den Eyeliner schon vor dem Frühstück aufzutragen. Das erschwert mein Schriftstellerleben. Ginge es nach mir, würde ich mich Tag und Nacht einschließen und stinkend schreiben.

Trotzdem tragen die Tage, an denen ich raus gehe, zu meinem Buch bei. Wie sprechen Menschen miteinander, wie fühlt sich Regen an, und so, ihr wisst schon.

An ganz besonderen Tagen entdecke ich neuerdings mein persönliches Berliner Umland, weil die fiktive Stadt, die ich ersponnen hatte, nun doch berlinisiert werden soll. In Teltow zum Beispiel begegnete ich der Mauer, und zwar achtlos lagernden Segmenten der vierten Generation aus dem Jahr 1975 („Grenzmauer-75“). Gelandet war ich dort, weil mein Mord am Kanal geschieht (Faszination Wasserleiche) und ich eine kleine Brücke über einen Stichkanal brauchte, um die Szene, die ich vor Monaten liebevoll ausbaldowert hatte, übernehmen zu können.

Nachdem ich die Ignoranz, mit der hier Geschichte abgeladen wurde, dokumentiert hatte, lief ich, wieder auf Berliner Seite, den schmalen Mauerweg am Kanal entlang, nach jeder Biegung glücklicher, wie perfekt sich die Landschaft in meine Geschichte fügt, als wollte sie mich bestätigen.

Alles passt, Berlin stört mich überhaupt nicht mehr, denn hier, kurz vor Brandenburg, abseits aller touristischen Klischees, bekommt mein Leser das, was ich draus mache. Schön!

PS: Man beachte das Zeichen: ein Buch auf der Mauer!

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