Die Prämisse meines Krimis zu finden, ist ein Krimi

Weil es mir selbst schwer fällt, die Prämisse in meinem Roman aufzuspüren, versuche ich mich mit diesem Text anzunähern, möge es auch anderen helfen, mit ihren Gedanken daran anzustoßen.


Die Definition von „Prämisse“ wird in Foren oft diskutiert. Das wäre zum Beispiel schon eine. „Prämisse“ wird in Foren diskutiert. Ist das so? Ich könnte nun jede Menge Zitate bringen, um das zu untermauern. Eine feine, klare Behauptung. Es ist so.

Nach der Lektüre von Foren und Schreibratgebern behaupte ich persönlich: Im Grunde ist die Prämisse die Kernaussage, die es in jeder Szene zu beweisen gilt.

Too easy, oder?

Kommt auf die Prämisse an. „Das Leben ist schön“, da sollte es nicht schwierig sein, ein hübsches Buch zu schreiben. Lauter positive Ereignisse, vielleicht mal ein tragischer Dämpfer, aber selbst aus dem wird etwas gelernt und, hach, schön ist es, auf der Welt zu sein, sagt die Biene zu dem Stachelschwein. In Schlagern wird man jede Menge Prämissen finden. Das könnte eine Übung sein: Nehmen Sie sich schlichte Liedchen vor und definieren Sie die Prämisse.

Komplexer wird es, wenn man weiterdenkt. Nicht bloß glaubt, das Leben ist schön, sondern vielleicht, das Leben ist nur schön mit richtig viel Geld. Oder: Der Gewinn einer Million Euro führt zu Sorglosigkeit, gepaart mit Kokainsucht.

In fremden Liedern lässt sich dank Abstand die Kernaussage gut erkennen, aber im eigenen Roman, da verschrumpeln schon mal die Augenlider angesichts wachsender Selbstzweifel sowie der Zweifel, die andere Menschen wohlwollend drauflegen. Sie müssen doch wohl wissen, worüber Sie eigentlich schreiben wollen! Sie werden doch wohl eine Aussage haben!, sagt der Agent. Warum sonst schreiben Sie denn?

In meinem Leben gibt es zwar diese Aussagen, die man gut in Ratgeber oder in flockige Romane packen könnte, in der Art: Mit Kindern leben ist anstrengender als ohne. Oder: Beruflich geht es immer weiter. Oder: Das Aber ist der natürliche Feind der Eltern. Oder: Verantwortungsbewusstsein muss man erst lernen.

Mein Roman ist aber ein Krimi. Natürlich gibt es auch im Krimi Prämissen. Verbrechen lohnt nicht. – Verbrechen lohnt. – Irgendwann wird auch Lieschen Müller zur Mörderin, man muss sie nur genug ärgern. – Aber speziell in meinem Krimi geht es nur darum: Eine verzwickte Geschichte zwingt alle, oder zumindest einige, zum Lügen. Die Geschichte wird mehr oder weniger aufgelöst. Es geht um die pure Unterhaltung, gepaart mit minimaler Sozialkritik, weil wir eben alle sozial verankert sind und im günstigen Fall kritisch, das versteht sich einfach von selbst. Aber es geht nicht um Moral, nicht um die großen Probleme unserer Gesellschaft.

Das Thema ist schlicht ein Mordfall. Oder ein Vermisstenfall, das weiß ich noch nicht so recht. Bisher war es ein Mordfall, aber seit der Agent (berechtigte) Kritik anbrachte, überdenke ich alles. Ich überdenke so viel, dass am Ende vermutlich ein völlig neuer Roman entsteht, er wird nicht düster sein, nicht witzig, nicht traurig, aber was wird er sein? Es macht mich wahnsinnig, das meiste Geschriebene (vordergründig) wegzuwerfen, schließlich habe ich ein Jahr lang an meiner Geschichte gebastelt, und das Blöde ist, man könnte mit wenigen Änderungen bereits einen halbwegs brauchbaren Roman hinbekommen. Aber ist es das, was ich will, halbwegs brauchbar? Nein, das Ding soll überzeugen.

Und dafür brauche ich nun die gottverdammte Prämisse.

Was ist der rote Faden?

Alle lügen.

Alle Menschen lügen.

Alle Menschen lügen, auch wenn sie anderen nur helfen wollen.

Auch Moralapostel lügen in der Not.

Jeder Mensch hat seinen Preis, ab dem er das Lügen anfängt. (Eine Wette wird zwar geschlossen, aber das trifft es nicht, es geht bei der Lüge nicht um die Wette, die ist nur netter Nebeneffekt. Es wird gelogen, um den Mörder rauszuhauen.)

Aber ist die Lügerei wirklich der rote Faden?

Verbrechen lohnt nicht, es sein denn, man gewinnt dadurch eine Wette?

Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist das Ratlosgesicht. Wenn es nach der Prämisse geht, die weiter oben steht, nämlich: Fremde Prämissen finden ist einfacher, dann müsstet ihr mir eigentlich helfen können. Schreibt mir doch mal ein paar Prämissen aus bekannten Kriminalromanen auf, vielleicht weiß ich dann, welche Richtung ich einschlagen muss.